Trachtenbeschreibung


Die Dachauer Tracht - von Hedi Heres

Selbstbewusstsein und Stolz unserer bäuerlichen Vorfahren spiegeln sich am deutlichsten in ihrer Kleidung, der Bauerntracht. Viele hatten ein schönes „Sach“, das ihnen nicht von selber zugefallen war. Die meisten mussten es hart erwerkeln, generationenlang. Also wollten sie auch offen und überall zeigen, wozu sie es gebracht hatten, und das geschah am augenscheinlichsten in der Kleidung: Kostbarkeiten und Fülle des Materials paart sich mit der Sorgfalt handwerklicher Ausführung, raffiniert angewandte Sparsamkeit verbirgt sich hinter vordergründigem Protz.

Eine eigenständige, ja eine bodenständige Festtracht zeigt sich dem Betrachter, „geworden“ nach wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, wesensartigen Gesetzen in einem langen, kontinuierlichen Wandel, denn Kleidung ist immer eingebunden in Gemeinschaft, Brauchtum, Fest, Kirche, Arbeit. Träfe das nicht zu, handelte es sich ja lediglich um eine Kostümierung für einen organisierten Zweck.

Nur spärliche Dokumente vermitteln uns Details aus früherer Zeit. Das Interesse an Volkstum, Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen, Sprache und Kleidung erwacht erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als sich keiner mehr um herrschaftlich aufgezwungene Kleiderordnungen kümmert und ein Vollbauer sich schon durch ein reiches Gewand deutlich von der ländlichen Unterschicht absetzen will. Als aufschlussreiche Quellen erweisen sich Votivbilder und Kirchenfresken von Wallfahrtsorten, auch wenn sie oft nicht ganz exakt örtlich wie zeitlich einzuordnen sind. Literarische Schilderungen, etwa eines Lorenz Westenrieder, Felix Freiherrn von Lipowsky oder Joseph Hazzi beinhalten gleichfalls das Erscheinungsbild der Bauerntrachten.

Letzterer beschreibt als „kurpfalzbairischer Landesdirektionsrat“ um 1800 aufklärerisch-kritisch das Landgericht Dachau so:

„Ganz harmonisch mit den armseligen Hütten sind ihre Bewohner, ein unansehnlicher, kleiner, breitschultriger, grob liniamentierter, braun- oder schwarzhaariger Menschenschlag, dessen Kleidung äußerst arm und elend ist, kaum einige Gulden wert. Vorzüglich aber ist das Weibervolk so zusammengeschnürt und gepolstert, dass es kaum glaublicher ist, wie sich solch hässliche Anzüge so lang erhalten konnten …“

Hazzi hat dabei vor allem den Tragmiederroch der Frauentracht im Auge, der ursprünglich in ganz Europa verbreitet war, sich zwischen Isar und Lech, vom Südende des Ammer- und Starnbergersees bis zur Donau hinauf lang gehalten hatte und für das ganze Amperland
typisch war.

Auffallend und unanständig findet ihn Hazzi, weil er mancherorts nur bis ans Knie reiche, dabei so dick und voll Falten sei, dass er ganz steif und unbeweglich werde, wozu ein von Werg ausgestopfter, schwerer und wulstiger Unterrock noch seinen teil beitrage!

Spätere Trachtenforscher äußern sich zwar weniger abfällig und bezeichnen die frauentracht als originell, aber „eigentümlich“. Sie sei zwar in allen Teilen mit Geschmack zusammengestellt, doch müsse der Unterbau unförmiger Hüftpolster und die unmäßige Fülle der Rockfalten die Figur selbst einer gut gewachsenen Bäuerin gänzlich verunstalten!

Der so beanstandete Tragmiederrock entstammt mit seinem strengen Faltenwurf der Genauigkeit der Renaissance. Nicht weniger als fünf Meter und siebzig Zentimeter schweres, schwarzes Tuch müssen dazu in ganzer Länge verarbeitet werden. Gewicht und Fläche erfordern eine kräftige Schneiderhand und – genaues Rechnen! Falte für Falte wird fünf Zentimeter tief mit dreifachem Spagat von oben nach unten viermal festgeheftet, um ein Auseinanderfallen zu verhindern. Der mit Schafwolle ausgeschoppte, dicke Miederwulst liegt direkt unter der Brust und ist Ursache für den Namen „Bollnkidl“. Die wenig schmeichelhafte Bezeichnung „Aufg’nähte“ für die Trachtenträgerinnen selbst resultiert ebenfalls daraus.

Auf deren Schultern ruht nun, an zwei schmalen Trägern des „Leibls“ verankert, ein Gewicht von annähernd dreißig Pfund! Unter dem ziegelroten, einen Zentimeter breiten Rockbesatz wird noch der gelbe Vorstoß des – früher grünen – ebenfalls gefältelten schweren Unterrocks sichtbar: Wahrhaft ein „wohlhäbiger“ Gesamteindruck!

Vom Bollnkidl selbst bleibt allerdings nicht viel zu sehen: Das „Fürta“, die mächtige, geblümte Seidenschürze, beherrscht die Vorder- und auch fast die ganze Rückseite. Prächtige buntgemusterte Seidenbänder, unter der Brust zur Masche gebunden und bis zum Saum reichend, verstärken die Festlichkeit. Sie lenken den Blick nach unten auf die Strümpfe, gestrickt aus blauem Baumwollgarn, bestickt mit komplizierten, typischen „Dachauer Mustern“, geometrischen Stern- und Rautenformen, abwechselnd weiß und schwarz. Die Strümpfe fallen ins auge, denn der fuß steckt in einem weit ausgeschnittenen, flachen, schwarzen Schuh, dessen kurzes Vorderblatt fast verschwindet unter den am paspelierten Rand festgenähten Fransen, den „Doschen“.

Das kurze, mit Brokat und Goldborten gesäumte Miederleibchen wirkt zierlich. Es wird vorne über einen wahren Prunkstück, dem Vorstecker oder Brustlatz geschnürt, einem Trachtenteil, das auch dem bürgerlichen Kostüm des achtzehnten Jahrhunderts übernommen scheint und wegen seiner stiefelzieherähnlichen Schilderform den Namen „Stiefelhansl“ erhielt: Ein kräftiger, damastbezogener Pappendeckel, reich mit Goldborten, -stickerei und Glassteinen verziert.

Von der kragenlosen, weißen Leinenbluse darunter sind lediglich die dreiviertellangen Keulenärmel mit dem Spitzenbündchen sichtbar, denn um den hals legt sich noch ein zusätzlicher Goller, ein rechteckiger Brustlatz, den unter der Achsel durchzogene Gollerbandl halten.

Für zusätzliche Wärme im Winter sorgt der kurze, vorn weit offenstehende Spenzer aus Seide mit den dick wattierten Schinkenärmeln, der, selbst von einer silberschließe gehalten, zusätzlich den Blick freigibt auf die sonst blitzende Auszier:

Silberne Miederhaken, Geschnürbandl und vor allem auf den prunkvollen Halsschmuck darüber, die zweiteilige „Florschnalle“ aus Silberfiligran-Rosetten. Ein schwarzseidenes Florband hält sie im Nacken. Bewundern drückten sich Schilderer der Frauentracht stets über die kleidsame Kopfbedeckung, die schwarze Florhaube, aus. Insbesondere den malern der hiesigen Künstlerkolonie gefiel ihr weit in die Stirn hängender spitzenrand, dessen Schatten den bleichen, dunkeläugigen Gesichtern einen geheimnisvollen, ganz eigenen Reiz gab, dekorativ überragt von einer großen Schleife aus zwei Moirè-Bändern, den sogenannten „g’wasserten Bandln“, geschlungen, deren untere Ränder, so wie der versteifte Haubenboden prachtvoll goldbestickt sind. Das Haas der Trägerin bleibt unsichtbar unter einem roten, knapp hervorlugenden Seidenband verborgen.

In Bildern war sie also längst augenfällig geworden, die hohe Wertschätzung, ja geradezu Faszination, die von der sonst eher verkannten Dachauer frauentracht auf Künstler ausgeht.

Carl Spitzweg, Christian Morgenstern, Wilhelm Leibl, Adolf Hölzel, um nur einige zu nennen, zeigten die Dachauerin festlich, bewegt, fast elegant, widmeten sich auch gern der Darstellung der Mädchentracht in ihren hellen Farben, mit der weißen Schürze, der gleichfarbigen Haube und den lichtblauen Bändern.

Die strengere, zweckgebundene Männertracht konnte damit nicht konkurrieren. Nur spärlich finden sich für sie Bilddokumente.

Ihre heute getragene und überall bekannte Form entwickelte sich erst gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts (= 18. Jahrhundert) aus einer von Ungarn donauabwärts über Niederbayern verbreitete „Stiefelhosentracht“. Der kurze bequeme Janke zeigt städtischen Einfluss. Dunkle Farben herrschen vor, ein nüchterner Schnitt, brauchbare Formen. Die schwarze, knöchellange, enge Lederhose ohne alle Verzierungen steckt im Glanzstück, den wirklich glänzenden, bis zu den Knien reichenden Schaftstiefeln mit den reichen Falten – einerseits männliche Zierde, andererseits den winterlichen Schneemassen und dem sumpfigen Moos angepasst!

Aus gutem teurem Tuch wurde auch früher schon der dunkelblaue Mantel mit Pelerine und silbernen Schließen, wie auch der schwarze oder braune Rock gefertigt. Schalkragen und Ärmelaufschläge säumen Baumwollborten. In zwei gebogenen Reihen stehen die großen Silbertaler, sich dachziegelartig überdeckend.

Die nach oben zu den Schultern hin auslaufenden Knopfreihen bilden vorne das Gegenstück zu den eine lateinische Fünf-V-bildende Rückennähten des Jankers, dem „Bauernfünfer“. Für das hochgeschlossene Leibl aus farbigem Preßsamt, das auch in Stickerei „geblümelt“ sein kann, verwandte man die hohlen „Dutterlknöpfe“, später auch gestanzte „grauperte“ oder glanzgeschnittene Facettenknöpfe: Fünfzig Silberknöpfe insgesamt an Weste und Rock – man mag schon zeigen, dass man nicht „auf der Brennsuppen dahergeschwommen is“ und sich was leisten kann!

Deshalb hängt auch vom linken Westentascherl, worin die Sackuhr steckt, bis zum zweiten Knopf der rechten Reihe die langgliedrige Fuhrmannskette. Eine silberne, mehrgängige Schuberkette um den Hals weist einen Träger zusätzlich als „geldig“ aus.

Fehlen darf einem Mannsbild jedoch keinesfalls ein Besteck, samt Lederscheide in einer seitlichen Hosentasche zu tragen, bestehend aus Messer, zweizinkiger Gabel und Ahle (Stachel), wozu noch eine einschraubbare „Dirndlgabel“ kommen kann, um die Begleiterin am Mahl teilnehmen zu lassen. Zierde ist der kunstvoll gearbeitete Griff jedes Stückes, wozu Holz, Rinderhorn, Gagat, mit Silber eingelegt oder mit Messing beschlagen werden, wenn nicht gleich darauf lagernde silberne Löwen zum Zupacken verleiten!

Ein niederer, schwarzsamtener Hut aus Seidenvelour oder Haarfilz, rundgupfig, mit ringsum aufgebogener Krempe, vervollständigt den Eindruck vom „g’standenen Dachauer“!

Seine Tracht verkörpert ein Stück bäuerlicher Kulturgeschichte. Sie gehört auch heute noch zu dem schweren Boden im Amperland, zu den prächtigen Höfen, den wohlgeformten Möbelstücken. Stammt sie doch von Vorfahren mit gesunder Lebenseinstellung und ernsten Grundsätzen, die Sparsamkeit und Prachtentfaltung vereinten, einen Sinn für harte Arbeit, aber auch für Freude, frohe Feste und ein „schönes Sach“ hatten.

Aus Buch „Im stillen Dachauer Land“
Herausgeber: Helmut Zöpfl
Verlagsanstalt „Bayerland“ Dachau


Beschreibung von Robert Böck

Um 1865 trug man in Dachau, wie das Foto der Familie eines Jungbauern aus dem Landkreis Dachau zeigt, die Dachauer Tracht, eine der wohl berühmtesten altbairischen Trachten. Die Männertracht bestand aus einem Janker oder der "Joppe" aus Loden mit einem reichen Besatz von Münz- oder Silberknöpfen. Die darunter getragene, meist rote ärmellose Weste hieß damals Kamisol. Auch das Kamisol war mit 20 bis 28 zweireihig angeordneten silbernen Knöpfen verziert. Das Hemd zur sonntäglichen Männertracht war aus weißem Leinen. Unter dem steifen Kragen trugen die Männer ein schmales schwarzes, unter dem Kinn verknotetes Halstuch, dessen Enden über die Brust herabhingen, den "Flor" oder Binder. Schon damals trug Mann Röhrenhosen "Röhrlhosen", meist aus Leder, die gut in die Faltenstiefel passten. Deren Name leitet sich ab von den Ziehharmonikafalten um den Knöchel.
Als Kopfbedeckung diente ein schwarzer, runder Filzhut, den Männer wie Frauen weit ins 18. Jahrhundert trugen.

"Das Kleid des Weibes besteht in übereinandergelegten Säcken und läßt über die Schönheit der Körperbildung im Unklaren", schrieb Ludwig Thoma 1897.
Sowohl der "Unterkittel" wie auch der schwarze "Oberkittel" waren rundherum in dichte 3-5 cm tiefe Falten gelegt. Der Rock war dicht unter der Brust angesetzt und die Falten wurden über eine mit Lumpen gefüllte "Wurst" genäht. Wahrscheinlich leitet sich die einheimische Bezeichnung "Boinkidl" aus dem Wort "boll" ab, das in den altbairisch besiedelten Gemeinden Oberitaliens soviel wie "vollgestopft" hieß. So ein Rock wog 30 bis 50 Pfund und man brauchte etwa 30 Ellen Stoff dafür. Das Trägerleibchen war mit Goldborten und Brokatstoffen reich verziert. An der Vorderseite des Oberrock-Mieders waren beiderseits 5-7 Metallhäkchen zum Einhängen des Schnürriemens angenäht.
Darunter trugen die Frauen die typischen weißleinenen Hemden mit gebauschten oder trompetenförmigen Ärmeln, die über dem Ellbogen mit einem Zugbändchen zusammengehalten wurden.
Eine "zu weite Entblößung am Hals", die damals als unsittlich galt, wurde von dem Goller bedeckt, einem Schmuckstück aus Seidenstoff mit Goldborten.
Die erst als Schutz der Oberbekleidung getragene Schürze oder das "Firta" entwickelte sich bald zu einem repräsentativen Teil der festlichen Frauenkleidung, die mit reichem Besatz, Stickereien oder Durchbrucharbeit geschmückt war. Zur Hochzeit war die Schürze übrigens stets schwarz.
Äußerst kurze, blaue Spenzer, die nur am Hals zu schließen waren, durften die Pracht des Oberkittels nicht verdecken, und waren deshalb halbkreisförmig von unten weit ausgeschnitten. Die Schinkenärmel waren dick mit Schafwolle ausgepolstert und an den Rändern mit Silber- oder Goldborte besetzt.

aus Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Band 10
Museumsverein Dachau


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